1. Februar 2012

Eigentlich hatte ich ja vor, etwas chronologischer von der Reise zu berichten. Aber meine Faulheit, besser Trägheit hat mich die ersten zwei Wochen von jeglicher geistiger Arbeit abgehalten. Jetzt, in Saigon wieder angekommen und mit der baldigen Rückkehr nach Berlin vor Augen, versuche ich mich langsam wieder zu disziplinieren und zu konzentrieren.

Die fehlende Motivation zum schreiben ist auch der kriminellen Umwelt hier geschuldet, die mich stets davon abhielt, mein Laptop außerhalb des Hotels auszupacken. Papa hat da ordentliche Vorarbeit geleistet, ich mag ja nicht mal mein Handy auspacken. Beobachte ich allerdings teilweise die Locals, verstehe ich die Sorge. Sehnsüchtig denke ich dann an Thailand zurück, wo wir ausschließlich direkt am Strand wohnten. Unvergesslich bleibt jener Morgen, als ich mir ein Kleid überstreifte, mir eine Tasse Kaffee schnappte und mit Laptop unterm Arm zum Sonnenaufgang zum Strand trottete. Ich liebte den Umstand, dass die Welt noch schlief während ich da saß, genoß die noch angenehm kühle Luft und lauschte der Ruhe und dem beruhigenden Rauschen der Wellen. Angesichts des weitläufigen Anblicks, der sich mir mit einem kilometerweitem Strand und horizontweitem Ozean eröffnete, fühlte ich mich winzig. The world couldn’t care less war mein Gedanke. Klein und winzig fühlte ich mein Dasein und dass das Leben noch mehr war als das Fleckchen Berlin, als das Büro Leben. Klein und winzig wurden die täglichen Probleme, die mich bis dato besorgten. Weite, Weitläufigkeit und ein Hauch von Freiheit atmete ich anstelle von Enge und Engstirnigkeit ein. Eine Vogelperspektive auf horizontaler Ebene, die die Dinge wieder in ein gesundes Verhältnis für mich setzten. Ich stelle mir diese Szene mit mir im Blümchenkleid mit Sonnenaufgang am Strand, Kaffee schlürfend und in die Tastenhauend als Schlussszene wie aus irgendeinem schnulzigen Film als langerersehntes Happy End meines Lebens vor…verdammt, ich bin eine unverbesserliche Romantikern und Träumerin 😉

Seufz…hole mich jetzt zurück in die Realität…Sitze im Cafe an einer verkehrsreichen Straße, die dementsprechend laut ist. Warum nicht leiser? Jede Ecke hier ist laut und betriebsreich. Aber ich genieße es. Ich stelle fest, dass es mir doch gleich besser geht sobald ich das Hotel verlasse. Das Schreiben fällt mir gleich leichter und heute dachte ich f*** it, I am taking my laptop with me.

Kommen wir also nochmal zu dem Punkt Brainwashed by dad and mom 😉 3 Wochen tägliche Youtube Filme mit kriminellen Handlungen, die mir Papa als Vorbereitung zu dieser Reise schickte, unzählige Anrufe mit denselben Inhalten über den genannten Zeitraum haben seine Spuren hinterlassen. Bei kopflosen und leider so oft unbedachten Personen wir mir schadete es sicherlich nicht, die gerne mal ihre Sachen auf dem Flughafen oder Restaurant unbeobachtet liegen läßt. Diesmal hatte ich aber immer die Sache an mir liegen und sie waren meine ständige Begleiter. Mein Misstrauen gegenüber die Menschen wuchs in ein Übermaß. Auf meinem Saigon – Da Nang Flug hatte ich das Vergnügen, die Wartezeit in der Business Lounge zu überbrücken. Meine Bekanntschaft mit einem Geschäftsmann ließ mich offen und unbekümmert über meine Reisepläne schildern. Kurz danach ertappte ich mich bei dem Gedanken, was mein Gegenüber nun mit diesen Infos machen würde. Schließlich gab er mir mehrfach Ratschläge wie ich von Da Nang nach Hoi An kommen würde, checkte mein Alter, Familienstand etc. Die zahlreichen Anrufe mit Freunden, Kollegen oder Familien, die er anschließend führte, verfolgte ich zum Teil konzentriert und versuchte mit meinen wenigen vietnamesischen Kenntnissen, Schlüsselworte aufzuschnappen, die möglicherweise Hinweise geben könnte, ob er nicht mafiosiähnliche Freunden kontaktierte, die mich bei Ankunft mit Taxi empfangen würde… .

Der Höhepunkt meiner Paranoia spielte sich dann jedoch im Flugzeug ab. Mein Sitznachbar, ein junger Vietnamese, sprach mich kurz vor Abflug an. Nachdem wir geklärt hatten, dass ich des Vietnamesisch nicht mächtig bin, übersetzte er seine Bitte auf leicht gebrochenem Englisch. Er wollte sich wohl mein Handy ausleihen, um seinen Vater, der in Da Nang wartend war, anrufen und mitteilen, dass er mit Verspätung eintreffen würde. Mit Vaters Worten in Kopf machte ich entgegen meiner sonst hilfsbreiten Art keine Anstalten, ihn mein Handy zu borgen. Während er so sprach, blickte ich ihn lediglich verständnisvoll an und mein Hirn arbeitete derweil auf Hochtouren: warum spricht er gebrochen Englisch, wenn er aus Vancouver stammt? Was kann passieren, wenn er mein Handy benutzt, kann die Truppe der Mafiosi mich danach lokaliseren ? In welchem der Youtube Filme kann ich diese Situation einordnen etc etc.

Ich fühlte mich doch recht elendig, dass ich mich auf doof stellte und ihm den Anruf verwehrte. Den Flug über analysierte ich also die verweigerte Hilfe. Allerdings stellte ich mir immer wieder vor, was passieren könnte, falls er doch ein Mafiosi war…ich endete meine Analyse also jedes Mal mit dem Bild, mich in einem kalten, dunklen Verließ, angekettet und gefoltert sehend. Jedes Mal, wenn ich ihn verschämt anblickte, holte ich dieses Bild wieder vor Augen und den Slogan: Save yourself first before saving someelse…you never know 😉