1. Januar 2012

Ich stehe am Abschluss meiner Nha Trang Reise und kurz vor der Rückkehr mit dem Nachtbus nach Saigon. Wie so oft macht man Bekanntschaften kurz vor Aufbruch – und so auch heute. Um die Zeit bis zur Abfahrt weiterhin zu überbrücken, suchte ich einer der besser betuchten und westlich orientierten Cafés auf, das mich lediglich mit guten Sitzgelegenheiten überzeugte. Hier weigert man sich übrigens Partout, mir den vietnamesischen Kaffee mit vietnamesischem Geschirr zu servieren. Bei unserem ersten Besuch mußten wir den Kaffee dreimal neu bestellen bis wir zumindest die Art des Kaffees wie gewünscht bekamen, wenngleich er mit der typischen, uns bekannten Cappuccino Tasse vorgesetzt wurde J

Auch diesmal blieb man mir mit der Cappuccino Tasse treu während die Locals ihren Kaffee im sonst üblichen Glas serviert bekamen. Mit einem kleinen Seufzer widmete ich mich also meinem Kaffee und nahm mir vor, nach den Tagen des großen Fressens und absolutem Nichtstun zumindest ein paar Hirnaktivitäten anzustoßen. Bereise ich nicht letztendlich erstmalig das Land meiner Herkunft, welches eigentlich genügend Stoff für reichlich Tränen und Emotionsausbrüche geben sollte? Ich sinniere also über diese Frage und versuche mir etwas mehr Empathie für mich selbst zu entlocken, erkenne aber recht schnell wie albern das ist 😉 Allerdings ergründe ich schon die neutrale Reaktion meinerseits, selbst bei Anblick meines Geburtshauses. Und die nüchterne Antwort lautet schlicht und einfach: Man kann nicht fündig sein, wenn man nicht suchend war. Das soll nicht bedeuten, dass sich nicht so allerlei Gedanken rund um die Reise angesammelt haben, aber dazu später.

Genug von meinem kurzen Gedankenschwenker und zurück zu meiner Bekanntschaft. Wie ich also vor mich hin sinniere, unterbricht mich eine junge Vietnamesin und lud mich zur Gesellschaft ein. Ich sagte gerne zu und lernte während dieses Gesprächs eine stolze, selbstbewusste und hochverliebte Frau kennen, die sehr genau zu wissen schien, was sie von diesem Leben erwartete und vor allem, welche Dinge zum Glücklichsein gehörten. Wie fast jedes Gespräch folgt nach einem kurzen Plausch die Frage nach meinem Alter und Familienstand… . Vielleicht erkennt man an diesen Dingen die klassische Rollenverteilung und den Stellenwert einer Frau eines Landes.

Offen wie die Menschen hier anscheinend sind, schildert sie mir dann sogleich ihre Love Story und strahlt dabei bis über beide Ohren wie ein Honigkuchen. Es folgen Fotos via iPhone und Zukunftsträume. Das erinnerungswürdige an dieser Begegnung ist ihre Einstellung zum Leben. In Schwellenländer wie dieses ist der Kontrast zwischen Wohlstand und Armut täglich zu sehen und verständlich sind das Handeln und das Denken der Menschen hier. Dazu gehört zum einen der immense Stellenwert der Bildung und zum anderen natürlich das aus der Armut herausheiraten. Sie entsprach gar nicht diesem Frauenbild, sprach aber selber von dieser üblichen Form des sozialen Aufstiegs. Sie selbst sah ihr Glück nicht ausschließlich in der puren Heirat ihres vietnamesisch stämmigen Amerikaners, auch schien sie sich von dem Gedanken freigemacht zu haben, mit 27 unverheiratet zu sein (tell me…27…). Sie wußte, dass ihr Glück an diesem Ort gebunden war. An einem Ort, wo das verlebte und gelebte glücklichsein, determiniert durch Freunde, Sprache, zuletzt wahrscheinlich durch Heimat nicht durch Geld und Auswandern in die Staaten zu ersetzen war. Zwangsläufig schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass die meisten Menschen hier nicht über viel Materielles besitzen, aber im Vergleich zu manch einem in den industriellen Ländern viel glücklicher sind. Vorausgesetzt natürlich, sie haben einen Mindestmaß ein Lebensstandard. Mir fallen in diesem Zusammenhang die zahlreichen Studien und Forschungen über das Glück ein. Das ist das bereichernde an Reisen, sie können die zuvor angelesenen Theorien bestätigen, ergänzen, erweitern oder widerlegen. Natürlich ist mir auch klar, dass sie nur ein winziger Ausschnitt ist.

Die Erklärung, weshalb sie nicht auf einen Mann mit Geld angewiesen war: I have two hands, I can work. On point. Mir gefiel ihr Fokus.

Überhaupt scheinen die Menschen in diesem Land sehr stark zu sein. Es ist sicherlich das Resultat ihrer Geschichte und der Armut, die ihnen keine andere Wahl als diese lassen, wollen sie überleben und leben. Dennoch. Vor allem scheint es mir eine Frauen getragene Nation zu sein. Blickt man nämlich auf die Straßen und Strände, so sind es stets Frauen jeden Alters, die die überaus schweren Früchte zum Verkauf auf ihren Schultern tragen. Oder Meerestiere auf der einen Seite der Waage und auf der anderen Seite den Grill. Ich selbst durfte ein solches Gerät auf die Schultern heben und war überrascht, wie schwer diese Dinger sind. Man muss jeder Frau, insbesondere jene hohen Alters, den größten Respekt zollen, wie sie Tag für Tag, mit einer unbeschreiblichen Emsigkeit und Kraft, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien verdienen. Ich frage mich, was die Paschas dieser Welt machen…Anscheinend lavieren sie sich wie Affen auf ihren Rollerscootern und warten auf Kundschaft oder stehen allabendlich vor den Supermärkten und hauchen den Touristen zart ins Ohr „Marihuana?“ Nicht, dass das auch harte Arbeit wäre. Allerdings wenn ich währenddessen eine Frau einen schweren, mobilen Esswagen vor sich hinziehend beobachte, denke ich schon…Paschas….

Ok, I gotta go. Es ist Mittag und ich hocke noch immer in meinem Hotel, allerdings bin ich schon wieder so Arbeitshungrig, dass ich unbedingt mal wieder was konstruktives machen wollte, selbst wenn mich dazu zwingen mußte. Langsam sollte ich mich ja auch aus diesem Lethargie Zustand befreien…